K105 Kanon

english K105 Canon

K105 Canon*

[* on a Russian popular tune] for Concert Introduction or Encore – Kanon* (* über ein russisches Volkslied) für Konzert-Eröffnung oder Zugabe – Canone* [* su una canzone populare russa] per l'apertura di un concerto o come bis

Titel : Der Originaltitel lautet Canon for Concert Introduction or Encore. In der Notenausgabe findet sich hinter Canonein Verweisasterisk, dessen zugeordneter Anmerkungstext auf dem ersten Notenblatt unterhalb des letzten Partitursystems links mit > * on a Russian popular tune< erläutert ist. Dieser Verweis hatte verlagsrechtliche Hintergründe.

Besetzung: a) Erstausgabe*: Flauto piccolo, 2 Flauti grandi, 2 Oboi, Corno Inglese, 2 Clarinetti in La, Clarinetto basso in Si b, 2 Fagotti, Controfagotto, 4 Corni in Fa, 3 Trombe in Do, 2 Tromboni Tenore**, Trombone basso**, Tuba, 5 Timpani, Gran Cassa, Piano, Arpa, Violini I, Violini II, Viole, Violoncelli, Contrabassi [kleine Flöte, 2 große Flöten, 2 Oboen, Englischhorn, 2 Klarinetten in A, Bassklarinette in B, 2 Fagotte, Kontrafagott, 4 Hörner in F, 3 Trompeten in C, 2 Tenor-Posaunen, Bass-Posaune, Tuba, 5 Pauken, Große Trommel, Klavier, Harfe, Erste Violinen, Zweite Violinen, Bratschen, Violoncelli, Kontrabässe]; c) Aufführungsanforderungen:= a), Streicher ohne Teilung.

* ohne Vorspann-Legende.

** Schreibung original.

Aufbau: Der Kanon ist ein einsätziges, nicht metronomisiertes und nur mit der italienischen Vortragsbezeichnung Fortissimo e Moderatoversehenes kurzes kanonisches Tutti-Orchesterstück aus mit Wiederholung 35 Takten (Takt 1-17 wiederholt; Takt 35 Schlussakkord) als Instrumentierung der im letzten Bild des Balletts Feuervogelbenutzten russischen Volksliedmelodie Rauschte nicht die Kiefer an der Pforteaus der Rimsky-Korssakow-Sammlung 100 russische nationale Lieder Op. 24aus dem Jahre 1876 mit der Nummer 21, die geeignet ist, sich selbst zu kontrapunktieren. Der kanon besteht aus einer scheinbar einfachen kanonischen Durchführung für Tutti-Orchester, die selbst nur 13 Takte umfasst. Dazu kommt ein Akkordvorspann von 4 Takten, die unveränderte Wiederholung des Ganzen und nach der Wiederholung noch ein Finaltakt mit einem einzelnen, abgerissenen Schlussakkord, der im kompletten Bläserbereich dem vorhergehenden Akkord entspricht. Die Wiederholung ist notwendig, weil sonst die kanonisch augmentierenden Instrumente die Melodie nur ein einziges Mal durchführen könnten. Das Stück steht in C, die transponierenden Instrumente sind transponierend belassen. Der gesamte Melodiefluss im kanonischen Bereich des eigentlichen Themas (also Takte 5-17) besteht aus einem statischen Gerüst aus Viertel- und Halbe-Noten, ausgenommen die beiden letzten Wiederholungstakte, die die Halbenote um einen Viertelwert längen, um die Augmentierungen aufzufangen. Das Metrum wechselt ruhig zwischen Zweiviertel- und Dreiviertel-Takt.

Aufriss

Fortissimo e Moderato

(mit Wiederholung 35 [ohne Wiederholung 18] Takte)

Takt 1-17

    Wiederholung Takt 1 bis 17 [= Takt 18 bis 34]

    Takt 18 [= Takt 35]

Stil: Die Flöten- und die Oboen-Familie einschließlich Englischhorn sind an der Melodieführung nicht beteiligt, sondern bilden eine höhenreiche Klangkrone, die unverändert auf der Oberdominante G stehenbleibt. Die im Original rhythmisch differenzierte Liedmelodie wird in unveränderten Viertelwerten von Klarinetten, Klavier- und Harfen-Diskant, Violinen und Bratschen zweimal und mit Wiederholung viermal hintereinander vorgetragen und setzt auf dem zweiten Viertelwert des Dreiviertel-Taktes 5 ein. Auf demselben Taktwert beginnen die drei Trompeten eine auf doppelten Wert umgeschriebene Themen-Augmentierung im Quartabstand d, deren Durchführung schließt, wenn die anderen Instrumente ihre Melodie zum zweiten Mal zu Ende gespielt haben. Der Hör-Effekt dieses Kanons beruht nicht zuletzt auf der Verwendung des Hornquartetts. Es augmentiert einstimmig in Oktaven geführt in derselben Weise wie die Trompeten, nur untersekundversetzt auf a, beginnt aber auf dem dritten Viertelwert des Taktes, so dass die Horn-Stimmen hinter den Trompeten ausgehalten nachschlagen und immer einen Viertelwert zurück sind, aber mit dem zweiten Wert in den nächsten der Trompeten hineinragen. Alle anderen Orchesterinstrumente übernehmen zusammen mit Klavier- und Harfen-Bass eine ebenfalls wieder kanonisch abzuleitende Unisono-Begleitung. Bassklarinette, Fagotte einschließlich Kontrafagott, Posaunen und Tuba, Klavierbass, Violoncelli und Kontrabässe spielen das Thema in spiegelbildlicher Umkehrung quartversetzt, so dass der Kanon durch einen Spiegelkanon kontrapunktiert wird, setzen aber auf dem ersten Taktwert ein. Harfen-Bass und Pauken nehmen die Spiegelform quintversetzt auf, augmentieren sie jedoch in Doppelwerten und beginnen damit verzögernd auf dem ersten Wert des zweiten Themen-Taktes. Die beiden letzten Wiederholungsnoten vor dem Wiederholungsstrich werden von den Pauken als Wirbel ausgeführt. Am Schlussakkord sind die Pauken mit einem nicht gewirbelten Terzakkord beteiligt. Die Große Trommel wird siebenmal akzentuierend geschlagen: zweimal (viermal) in der viertaktigen Introduktion, einmal (zweimal) im kanonischen Bereich und einmal auf dem Schlussakkord. Der Einsatz im kanonischen Bereich erfolgt auf einer Viertelpausen-Stelle vor Neueinsatz. Damit besteht dieser orchestrale Miniaturkanon aus vier in verschiedenen Intervallabständen parallel geführten Einsätzen mit Beginn auf vier verschiedenen aufeinanderfolgenden Zählzeiten und einem Gegenbild aus Original und Spiegelumkehrung. Aus dieser Kombination heraus ergibt sich ein gegenüber dem Original stark verfremdetes Klangbild.

Widmung: Die Komposition wurde in Erinnerung an Pierre Monteux geschrieben; die Druckausgabe trägt weder Widmungs- noch Memorialvermerk.

Dauer: 0’ 30“.

Entstehungszeit: [vermutlich 2. Hälfte] 1965 bis [Juni] 1966 in Hollywood.

Uraufführung: am 16. Dezember 1965 in der Kanadischen Rundfunkanstalt Canadian Broadcasting Corporation in Toronto unter der Leitung von Robert Craft.

Bemerkungen: Am 1. Juli 1964 starb in Hancock im Staate Maine im Alter von knapp neunzig Jahren der Uraufführungsdirigent der beiden Ballette Petruschka und Sacre du Printemps und der Oper Le Rossignol , Pierre Monteux, den Strawinsky eigentlich erst mit zunehmendem Alter mehr und mehr schätzen gelernt hatte. Pierre Monteux war am 4. April 1875 in Paris geboren worden. Diaghilew verpflichtete ihn 1911 für seine Balletttruppe. Seit dem 1. Januar 1914 baute Monteux ein eigenes Orchester auf, das durch den Beginn des Ersten Weltkrieges zunächst ruiniert wurde. Diaghilew nahm ihn 1916 mit in die Vereinigten Staaten. Er dirigierte 1917 bis 1919 an der Metropolitan Opera in New York, anschließend bis 1924 das Boston Symphony Orchestra , mit dem er über fünfhundert Konzerte gab, und bis 1934 in Vertretung Willem Mengelbergs das Amsterdamer Concertgebouworkest . In Paris leitete er viele Jahre lang bis 1938 das Orchestre Symphonique de Paris (im Strawinsky-Briefwechsel O.S.P. abgekürzt), das in der französischen Strawinsky-Biographie eine bedeutende Rolle spielte. Seit 1936 bis 1952 leitete Monteux die San Francisco Symphony und förderte dabei Strawinsky auf alle erdenkliche Weise. Während Strawinsky in den früheren Jahren zu Monteux häufig auf Distanz ging, sah er am Lebensende in ihm einen engen Freund. Noch der greise, fast neunzigjährige Monteux dirigierte am 29. Mai 1963 aus Anlass des fünfzigsten Jahrestages der Erstaufführung in der Londoner Albert Hall zu Strawinskys und aller Zuhörer größter Verwunderung mit überwältigendem Erfolg den Sacre , der ihn ein Dirigenten-Leben lang begleitet hat. Strawinsky widmete ihm zum achtzigsten Geburtstag das Greeting Prelude und nach seinem Tod den Feuervogel- Kanon . Wann die Komposition begonnen worden ist und ob als Auftrag oder spontan, scheint ungeklärt zu sein. Dass Strawinsky nach Fertigstellung eine Reinschriftkopie an die Witwe schickte, legt keineswegs die Vermutung einer wie auch immer gearteten Absprache nahe.

Fassungen: Strawinsky schickte den Kanon Anfang November 1965 an Rufina Ampenow vom Verlag Boosey & Hawkes. Craft brachte die Komposition zwar am 16. Dezember 1965 zur Uraufführung, aber noch am 1. Juni 1966 bat Strawinsky den Verlag telegraphisch um Einstellung aller Satzarbeiten, weil er Änderungen angebracht habe. Damit reicht die Komposition über die überlieferte Angabe 1965, wie sie auch in der Druckausgabe steht, jedenfalls noch in die Mitte des Jahres 1966 hinein. Der Kanon wurde von Boosey & Hawkes erst nach Strawinskys Tod erstmalig 1973 ausschließlich als Dirigierpartitur gedruckt. Die Verlagsrechte am Feuervogel lagen ursprünglich bei Jurgenson in Moskau, der sie im Rahmen der leninistischen Enteignungsvorgänge an Robert Forberg in Leipzig veräußerte. Als Strawinsky versuchte, eine neue Feuervogel -Suite bei Chester in London unterzubringen, kam es zu einem in Leipzig geführten Prozess, den Strawinsky, der englische Chester-Verlag und der deutsche Schott-Verlag gemeinsam verloren. Strawinsky zerstritt sich darüber unausgleichbar mit Chester (Harry Kling), während ihm der Schott-Verlag zur Seite stand und ihm jegliche Hilfestellung zukommen ließ. In der Folge bahnte sich zwischen Strawinsky und Willy Strecker ein freundschaftliches Verhältnis an, das den Schott-Verlag allmählich zum neuerlich wichtigsten Strawinsky-Verleger machte. Strecker, der den Verlag leitete, kaufte im eigenen und im Interesse Strawinskys nach und nach alle auf mehrere Verlage verstreute Feuervogel -Rechte auf, vereinigte sie auf sich und machte damit dem unseligen Gerangel um das Stück ein Ende. Als Strawinsky nun das Feuervogel-Kanon-Werk in memoriam Monteux schrieb, hätte es daher aus vielen Gründen nahe gelegen, Schott die Rechte auch an diesem Feuervogel -Stück zu überlassen. Genau das aber suchte Strawinsky aus nicht ausgesprochenen Gründen unbedingt zu vermeiden. Vermutlich gab es nach dem Tode Streckers keine freundschaftlich-persönlichen Beziehungen mehr zum Verlag. Schott habe, so erklärte er Ampenow gegenüber brieflich am 8. November 1965, an diesem Stück keinerlei Rechte. Um zu verhindern, dass sich Schott auf Vertrag berief, erklärte Strawinsky, das Kanon-Thema sei ein altes russisches Volkslied, das nicht von ihm, sondern aus einer neuen Volkslied-Edition stamme und somit nicht auf den Feuervogel bezogen werden könne, eine spitzfindige These, die er gewiss nicht selbst entwickelt, sondern aus verschiedenen Prozessen abgeleitet hatte, in denen Prozessgegner Strawinskys gerade mit diesem Argument obsiegt hatten. Das dürfte auch die eigentliche Veranlassung für die seltsame Titelgebung gewesen sein und erklären, warum er Wert darauf legte, den Haupttitel Canon in der Druckausgabe mit einem Sternchen-Verweis auf das russische Volkslied zu beziehen und nicht, was näher gelegen hätte, von einem Kanon über ein Thema aus dem Ballett Der Feuervogel zu sprechen. Dabei erwähnte Strawinsky im Brief an Ampenow selbst die Schluss-Hymne seines Feuervogel -Balletts im Zusammenhang mit der neuen Komposition. Der Druck einer Kaufausgabe muss dann ausgesetzt worden sein, wie die Platten-Nummer beweist, die eher in die Jahre 1965/66 hineingehört.

Historische Aufnahme: nicht nachweisbar.

CD-Edition: nicht enthalten.

Autograph: Das Autograph gelangte aus Beständen von Boosey & Hawkes in die Londoner British Library .

Copyright: 1973 durch Boosey & Hawkes Music Publishers Ltd.

Ausgaben

a) Übersicht

105-1 1973 Dp; Boosey & Hawkes London; 3 S. 2°; B. & H. 19411.

b) Identifikationsmerkmale

105-1 Igor Stravinsky / CANON / for Concert Introduction or Encore / Full Score / Boosey & Hawkes // Igor Stravinsky / CANON / for Concert Introduction or Encore / Full Score / Boosey & Hawkes / Music Publishers Limited / London · Paris · Bonn · Johannesburg · Sydney · Toronto · New York // (Dirigierpartitur klammergeheftet 26,3 x 35,3 (2°[gr. 4°]); 3 [2] Seiten + 4 Seiten Umschlag braunrot auf graugrünbeige [Außentitelei, 2 Leerseiten, Seite mit verlageigener Werbung >Igor Stravinsky<* Stand >No. 40< [#] >7.65<] + 1 Seite Vorspann [Innentitelei] + 1 Seite Nachspann [Leerseite]; Kopftitel >Canon* / for Concert Introduction or Encore<; Asterisk-Erläuterung unterhalb Notenspiegel linksbündig kursiv >* on a Russian popular tune.<; Autorenangabe 1. Notentextseite unpaginiert [S. 2] unter Untertitel rechtsbündig >Igor Stravinsky<; Rechtsschutzvorbehalte 1. Notentextseite unterhalb Notenspiegel rechtsbündig >All rights reserved< linksbündig unterhalb Asterisk-Erläuterung >© Copyright 1973 by Boosey & Hawkes Music Publishers Ltd<; Herstellungshinweis 1. Notentextseite rechtsbündig unterhalb Rechtsschutzvorbehalt >Printed in England<; Platten-Nummer: >B. & H. 19411<; Kompositionsschlussdatierung S. 3 >1965<; ohne Endevermerk) // (1973)

* Angezeigt werden ohne Niederlassungsangaben zweispaltig ohne Editionsnummern und ohne Preisangaben >Operas and Ballets° / Agon [#] Apollon musagète / Le baiser de la fée [#] Le rossignol / Mavra [#] Oedipus rex / Orpheus [#] Perséphone / Pétrouchka [#] Pulcinella / The flood [#] The rake’s progress / The rite of spring° / Symphonic Works° / Abraham and Isaac [#] Capriccio pour piano et orchestre / Concerto en ré (Bâle) [#] Concerto pour piano et orchestre / [#] d’harmonie / Divertimento [#] Greetings°° prelude / Le chant du rossignol [#] Monumentum / Movements for piano and orchestra [#] Quatre études pour orchestre / Suite from Pulcinella [#] Symphonies of wind instruments / Trois petites chansons [#] Two poems and three Japanese lyrics / Two poems of Verlaine [#] Variations in memoriam Aldous Huxley / Instrumental Music° / Double canon [#] Duo concertant / string quartet [#] violin and piano / Epitaphium [#] In memoriam Dylan Thomas / flute, clarinet and harp [#] tenor, string quartet and 4 trombones / Elegy for J.F.K. [#] Octet for wind instruments / mezzo-soprano or baritone [#] flute, clarinet, 2 bassoons, 2 trumpets and / and 3 clarinets [#] 2 trombones / Septet [#] Sérénade en la / clarinet, horn, bassoon, piano, violin, viola [#] piano / and violoncello [#] / Sonate pour piano [#] Three pieces for string quartet / piano [#] string quartet / Three songs from William Shakespeare° / mezzo-soprano, flute, clarinet and viola° / Songs and Song Cycles° / Trois petites chansons [#] Two poems and three Japanese lyrics / Two poems of Verlaine° / Choral Works° / Anthem [#] A sermon, a narrative, and a prayer / Ave Maria [#] Cantata / Canticum Sacrum [#] Credo / J. S. Bach: Choral-Variationen [#] Introitus in memoriam T. S. Eliot / Mass [#] Pater noster / Symphony of psalms [#] Threni / Tres sacrae cantiones°< [° mittenzentriert; °° Titelfehler original].


K Cat­a­log: Anno­tated Cat­a­log of Works and Work Edi­tions of Igor Straw­in­sky till 1971, revised version 2014 and ongoing, by Hel­mut Kirch­meyer.
© Hel­mut Kirch­meyer. All rights reserved.
https://kcatalog.org and https://kcatalog.net

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