K099 Canzonetta

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K99 Canzonetta

Bemerkungen: Strawinsky erhielt im Jahre 1963 den Wihuri-Sibelius-Preis* und bedankte sich dafür mit einer kleinen musikalischen Geste, indem er im September die Streicher-Canzonetta Op. 62a von Jean Sibelius kammermusikalisch apart für Klarinette in A, Bassklarinette in A, 4 Hörner in F, Harfe und Kontrabass instrumentierte. Die Canzonettawurde von Robert Craft am 30. September 1963 im Rahmen der Monday Evening Concertsin Los Angeles uraufgeführt. Die deutsche Erstaufführung leitete Felix Prohaska am 23. Februar 1964 anlässlich des 4. deutschen Sibelius-Festes in Hannover. Der Finnische Rundfunk brachte am 22. März 1964 die finnische Erstaufführung der Canzonetta, die noch im selben Jahr in einer Auflage von 200 Exemplaren im Verlagshaus Breitkopf & Härtel in Wiesbaden als achtseitige Dirigierpartitur >Für 8 Instrumente gesetzt< veröffentlicht wurde. Breitkopf & Härtel, das älteste Verlagshaus der Welt, hielt die Rechte an Sibelius, wie Boosey & Hawkes die Rechte an allen Kompositionen Strawinskys nach 1950. So kam es zu einem regen diplomatischen Briefwechsel, bei dem am Ende der deutsche Verlag die Oberhand behielt. Boosey & Hawkes, damals von Ernst Roth vertreten, wollte ein Arrangement mit Breitkopf; aber dessen Vertreter Hellmuth von Hase, der deutsche Nachkriegs-Verlagsgeschichte geschrieben hat, setzte sich durch. Begegnungen mit Strawinsky gingen in die zwanziger Jahre zurück. Breitkopf, noch in Leipzig ansässig, hatte am 28. Oktober 1925 Strawinsky, den man in die verlagseigene Postkartenserie aufnehmen wollte, um eine neue Photographie ersucht. Strawinsky kam damals nach Leipzig. Schon zu dieser Zeit wollte Breitkopf & Härtel Strawinsky verlegen. Es scheiterte am Widerstand Gabriel Païchadzes vom Russischen Musikverlag. Auch der zweite Versuch schlug fehl, Strawinsky zu bewegen, für Breitkopf zu arbeiten. Es ging dabei um das 1913 für Diaghilew neu instrumentierte Chorfinale aus Mussorgskys Oper ‚ Chowanschtschina’. Aber Strawinsky hatte auch hier aus gutem Grund (Aufführungsrealität der Opernbühnen) abgewinkt. Immerhin erfuhr man bei dieser Gelegenheit, dass Strawinsky nicht nur das Finale, sondern auch eine Arie zukomponiert habe, was Breitkopf nicht wusste, wie aus einem Brief vom 9. April 1958 hervorgeht. Hase schrieb in Sachen Sibelius Strawinsky neuerlich an, erinnerte ihn an seinen Leipzig-Besuch, und Strawinsky antwortete äußerst liebenswürdig, dankte, frischte die Erinnerungen auf und erhob keine Einwendungen, seine Bearbeitung bei Breitkopf & Härtel verlegt zu sehen. Unter dem Datum 1. Oktober 1963 kam es zu einem in seiner Art einzigartigen Vertrag, der nicht nur ein Licht auf die Geschicklichkeit Hellmuth von Hases wirft, sondern auch die Vorwürfe über die angebliche Geldgier Strawinskys mit einem besonderen Beispiel beleuchtet. Hase füllte nämlich alle Vertragspunkte aus, ließ aber die Zeile für das Honorar frei und forderte Strawinsky auf, die Summe nach seinem Gutdünken einzusetzen. Strawinsky verlangte nur 1.500 DM (nach damaliger Kaufkraft 300-400 Dollar) für seine Arbeit, aber nicht als festes Honorar, sondern als Vorauszahlung auf künftige Tantiemen, die sich aus Leihmaterialgebühren und dem Zehn-Prozent-Anteil am Ladenverkaufspreis der Partitur zusammensetzten. Schon am 24. Dezember 1963 waren die Korrekturbögen fertig, und am 12. Februar 1964 (Druckauftrag 4. Februar 1964), noch rechtzeitig vor dem Hannoveraner Sibelius-Termin, die Partitur. Strawinsky erhielt 6 Freiexemplare. Seit 1966 steht die Canzonettanur noch als Leihmaterial zur Verfügung. Das Autograph ging in den Besitz der Wihuri-Stiftung über. Strawinsky hat zwei Exemplare der Breitkopfschen Ausgabe besessen, die sich heute in der Paul Sacher Stiftung Basel befinden. In dem einen Exemplar hat er mit Bleistift gekastete Takteinteilungen und einige wenige aufführungspraktische Eintragungen vorgenommen. Dieses Exemplar ist weder gezeichnet noch datiert. Das zweite, ebenfalls undatierte, Exemplar ist auf der Außentitelei oberhalb des ornamentierten Rahmenspiegels rechtsbündig rot mit >IStr< gezeichnet. Es enthält rot gekastete Takteinteilungen, aber keine aufführungspraktischen Eintragungen.

* Die Wihuri-Stiftung des Industriellen-Ehepaars Antti Wihuri und seiner Frau Jenny wurde 1942 zur Förderung der geistigen und ökonomischen Entwicklung Finnlands gegründet. Der Wihuri-Sibelius-Preis wurde 1953 zu Ehren von Jean Sibelius eingerichtet. Vor Strawinsky erhielten ihn, um zwei namhafte Komponisten zu nennen, 1955 Hindemith und 1958 Schostakowitsch.

Ausgaben

a) Übersicht

99-1 1964 Dp; Breitkopf & Härtel Wiesbaden; 8 S. 4°; Wb. 610; 3888.

b) Identifikationsmerkmale

99-1 JEAN SIBELIUS / [°] /Canzonetta / op. 62a / Für 8 Instrumente gesetzt von / IGOR STRAWINSKY / [Vignette] / BREITKOPPF & HÄRTEL · WIESBADEN / Partitur-Bibliothek Nr. 3888 // (Dirigierpartitur klammergeheftet 22,9 x 30,4 (4° [4°]); 8 [8] Seiten + 4 Seiten Umschlag Papier schwarz auf grün [Außentitelei mit Signet * 0,9 x 2,2, 3 Leerseiten] ohne Vorspann und ohne Innentitelei, ohne Nachspann; Kopftitel >Canzonetta<; Autorenangabe 1. Notentextseite unpaginiert [S. 1] unterhalb Kopftitel linksbündig >Für 8 Instrumente / von Igor Strawinsky< rechtsbündig >Jean Sibelius, op. 62a<; Rechtsschutzvorbehalt 1. Notentextseite unterhalb Notenspiegel rechtsbündig >© 1964 by Breitkopf & Härtel, Wiesbaden<; Editionsvermerk 1. Notentextseite unterhalb Notenspiegel linksbündig >Breitkopf & Härtels Partitur-Bibliothek Nr. 3888<; Platten-Nummer >Wb. 610<°°; Herstellungshinweis 1. Notentextseite unterhalb Notenspiegel unter Rechtsschutzvorbehalt rechtsbündig >Printed in Germany< S. 8 als Endenummer und Endevermerk rechtsbündig >– 64 / Druck: „Pirol“ Minden (Westf.)<) // (1964)

° textzeilenbreiter Trennstrich waagerecht.

°° >Wb.< steht als Abkürzung für Wiesbaden.

* Das Wappentier Bär mit dem Gründungs-Jahresdatum des Verlags 1719 leitet sich vom Gasthofschild des ‚Goldenen Bären’, dem frühesten Leipziger Verlagssitz, ab.


K Cat­a­log: Anno­tated Cat­a­log of Works and Work Edi­tions of Igor Straw­in­sky till 1971, revised version 2014 and ongoing, by Hel­mut Kirch­meyer.
© Hel­mut Kirch­meyer. All rights reserved.
https://kcatalog.org and https://kcatalog.net

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