K074 Ebony-Concerto

english K074 Ebony Concerto

K74 Ebony Concerto

for jazz orchestra – Ebony-Concerto für Jazz-Orchester – Ebony Concerto pour orchestre de jazz – Ebony Concerto per un’ orchestra di jazz

Titel: Das englisch-amerikanische Wort ‚ebony’ bedeutet Ebenholz und bildet in diesem Zusammenhang ein Deckwort für Neger, ist also nicht vom Material der Herman-Klarinette abgeleitet. Bis weit über die Jahrhundertmitte hinaus wurde Jazz überwiegend von Negermusikern ausgeführt. Strawinsky umschrieb den Terminus in seinen Dialogen als Synonym für Afrikanisch. Auch Strawinsky hat den Jazz nur von Negerkapellen gespielt gehört, und die Herman-Band, für die er das Ebony Concerto schrieb, war ebenfalls eine Neger-Band. Der Begriff Neger ist in Europa ein ethnologischer Fachbegriff und zunächst nicht politisch oder gesellschaftskritisch negativ besetzt gewesen. Man umschrieb ihn in Sklavenhändlerzeiten unter Anspielung auf die schwarze Hautfarbe der Neger mit Ebenholz oder auch Schwarzes Elfenbein. Wie die Mehrheit aller nicht von italienischen Vortragsbezeichnungen oder von Formbildern abgeleiteten Strawinsky-Kompositionen ist auch dieser Werktitel hintergründig zu verstehen. Der Titel stammt vermutlich nicht von Strawinsky, sondern von Aaron Goldmark; jedenfalls lässt sich eine briefliche Äußerung Goldmarks vom Januar 1946 so verstehen. Dafür spricht auch, dass Strawinsky zwar über diesen Titel gesprochen, sich aber nie berühmt hat, ihn er- oder gefunden zu haben.

Besetzung: a) Erstausgabe (Legende): Solo Clarinet B b, 5 Saxophones (2 Altos E b, 2 Tenors B b, Baritone E b), Bass Clarinet B b, French horns*, 5 Trumpets B b, 3 Trombones, Piano, Harp, Guitar, Bass, Tom-Tom, Cymbals, Drums [Solo-Klarinette in B b, 5 Saxophone (2 Alt-Saxophone in E b, 2 Tenor-Saxophone in B b, Bariton-Saxophon in E b), Bassklarinette in B b, Waldhörner*, 5 Trompeten in B b, Klavier, Harfe, Gitarre, Kontrabass, Tom-Tom, Becken, Trommeln]; b) Aufführungsanforderungen: Solo-Klarinette in B, 3 Klarinetten°, 2 Alt-Saxophone in Es, 2 Tenor-Saxophone in B, 1 Bariton-Saxophon in Es, 1 Bassklarinette in B°, 1 Waldhorn*°, 5 Trompeten in B, 3 Posaunen, Klavier, Harfe°, Gitarre, Kontrabass, 3 Tom-Toms, Becken, 2 Trommeln.

* Die englische Bezeichnung für Waldhorn lautet French Horn. In der Original-Partitur wurde French Horn in den Plural gesetzt (French Horns), obwohl nur ein einzelnes Horn ohne Transpositionsangabe Verwendung findet. In einer deutschen Übersetzung wurden daraus, vermutlich im Analogieverfahren zum Oboentypus Englischhorn, „Französische Hörner“ gemacht, die es als Typus nicht gibt. In seinem Belegexemplar hat Strawinsky das Mehrzahl-s weggestrichen; der Fehler befindet sich in beiden Erstausgaben.

° Klarinetten, Waldhorn und Harfe sind augenscheinlich von Strawinsky der Stammbesetzung Woody Hermans ( the first herd) hinzugefügte Instrumente.

Aufbau: Das Ebony-Concerto ist ein einzeln beziffertes, ohne Satzüberschriften und ohne Satznumerierungen, aber mit italienischen Vortragsbezeichnungen versehenes, metronomisiertes dreisätziges Instrumentalstück im Jazz-Stil mit klausulierten Binnenwiederholungsteilen im ersten und zweiten Satz. – Die drei Teile des Ebony-Konzertes tragen keine charakterisierenden Satzbezeichnungen oder mittig zentrierte Satznummern. Das Konzert ist mit schnellem ersten, langsamem zweiten und wieder schnellem dritten Satz der klassischen Konzertform nachgedacht. –

Der erste Satz beruht auf dem von Strawinsky so geschätzten Ragtime-Rhythmus und ist formtypologisch eine A-B-A-C-Form, wobei A ein Wiederholungsteil mit zwei verschiedenen Klauseln darstellt. Der erste A-Teil reicht bis Ende Ziffer 8 und geht bei Ziffer 9 in den dem ersten Durchgang vorbehaltenen B-Teil über. Am Ende von Ziffer 17 steht das Da-capo-Zeichen für die Wiederholung von A. Für den zweiten Durchgang beziffert Strawinsky den C-Teil nicht mit Ziffer 18, sondern mit Ziffer 9a folgend weiter. Gegenüber dem ersten Durchgang B ist der zweite Durchgang C verkürzt. Das Ende des Satzes wird bei Ende Ziffer 14a 5erreicht. Den Satz eröffnet das Trompetenquintett. Mit Takt 6 = Ziffer 3 wird es von den Saxophonen abgelöst. Nach und nach setzen die anderen Instrumente ein, bei Ziffer 4 die Tom-toms. Die schlagzeugbetonte Rhythmusmusik hat Vorspielfunktion und drängt auf den B-Teil hin, der für die Soloklarinette ausgelegt ist, die hier ihren ersten großen Einsatz vor allem unter Trompeten- und Posaunenbegleitung hat, während die Saxophone pausieren. Aus dem Vorspiel wird das Zwischenspiel, aus dem zweiten Wiederholungsteil die Koda. Nach wenigen Takten des Übergangs im bisherigen Stil ohne Soloklarinette übernimmt die 1. Trompete als Solotrompete unter Begleitung der Saxophone die Stimmführung, während es jetzt die Trompeten und Posaunen sind, die schweigen. Die von Strawinsky beabsichtigte instrumentale Zuordnung ist offensichtlich. Im Wechselverhältnis Solo-Klarinette + Metall und Solo-Trompete + Holz dienen die anderen Instrumente sowohl der Färbung wie der schlagzeugakzentuierten Rhythmusmarkierung mit ganz kleinen nach vorne geschobenen Soloeinlagen etwa vom Klavier. –

Der zweite, ebenfalls nicht so bezeichnete Satz ist mit seinem zentralen Blues das Kernstück des Ebony-Konzertes, vertritt den langsamen Teil und ist räumlich gesehen mit nur 5 Partiturseiten und 5 Ziffern ( 31-4 5+ 4a 1-4) der kürzeste. Formtypologisch lässt er sich je nach Zuordnung auf verschiedene Weise definieren, als A-B-A-Form mit Introduktion und Koda, als A-A 1-B-A 1-C-Form, als A-A 1-B-A 1-B 1-Form, als A-A 1-Form oder auch als A-B-Form. Folgt man dem Strawinskyschen Notenbild und berücksichtigt Wiederholungsstrich und Durchgangsklauseln, so ist er von einer dreitaktigen Introduktion ausgegangen, deren Motivik von einem Wiederholungsteil aufgenommen wird, der zwei verschiedene Schlussformen je für den ersten und für den zweiten Durchgang besitzt. Nach der den Blues intonierenden Introduktion folgt das typische Bluesspiel mit Ruf (3 Takte überwiegend Saxophone und Posaunen) und Antwort (1 Takt gestopfte Trompeten). Es schließen sich 5 Takte an, die nach Strawinskyart Motive ineinander stauchen. Das Verfahren Ruf und Antwort durch die Trompeten wiederholt sich auf diese Weise zweimal verkürzt. Der letzte Antwortruf leitet in die 10 Takte der ersten Klausel ein. Sie besteht bei zunächst exponierter Harfenbegleitung aus 2 Takten Restantwort der Trompeten; mit dem 2. Takt setzen die Klarinetten für weitere 2 Takte ein. Der Abschnitt wird im 5. Takt von der Soloklarinette mit einem einzigen Ton auf der Grundlage von Klarinetten und Harfe beendet. Der Trompeten- und Posaunenchor antwortet antiphonal für 4 Takte. Der letzte Takt der Klausel, rückbezogen auf den letzten Viertelwert des vorletzten Taktes, gehört der Soloklarinette und der Bassklarinette unter Begleitung von Harfe und Kontrabass. Nach der Wiederholung der 9 Takte nach der Introduktion geht es in die 4 Takte der zweiten Klausel, die gleichzeitig den Satz als Koda beendet. Es ist eine brillante Schlussphrase der Soloklarinette, zuerst von 1. Klarinette und Bariton-Saxophon, dann von Klarinetten und Waldhorn begleitet, zu dem sich im letzten Takt noch Sopran-Saxophon und Harfe gesellen. –

Der dritte Satz ist ein zweifaches Variationenwerk mit Wiederholungsteil und Koda über eine zehntaktige ruhige Bassklarinettenmelodie im angenäherten Blues-Duktus in einem elftaktigen Thema. Formtypologisch handelt es sich um eine A-B-A-C-A 1-Form = Thema / Variation I / Thema / Variation II / Koda als umgearbeitetes Thema. Die erste Variation setzt mit dem Con moto von Ziffer 3 ein. Sie reicht bis Ende Ziffer 20 und komponiert den vom Bassklarinettenintervall vorgegebenen Rahmen in überwiegend abwärtsgerichteten Sekundkombinationen in den Klarinetten aus, während das Tenor-Saxophon solistisch beschäftigt ist. Harfe, Gitarre, Bass und Schlagzeug bilden die rhythmische Grundlage. Nach der Themenwiederholung Ziffer 21 bis Ende Ziffer 23 beginnt bei Ziffer 24 Vivo die zweite Variation. Sie dient vor allem der Soloklarinette als auskomponierte improvisatorische Kadenz, der gegenüber die anderen Instrumente die Funktion der Unterstützung übernehmen. Bei Ziffer 33 mündet sie in die 17 Koda-Takte gleichen Tempos, die das Thema in getragenen Akkordkombinationen choralartig bündeln. Das Stück schließt im Tutti siebentaktig dreifach akkordisch mit einem parallel geführten Hochton der Soloklarinette.

Aufriss

[I]

Allegro moderato Halbe = 88 (Ziffer 41 bis Ende Ziffer 14a5)

[Ziffer 1 bis Ende Ziffer 8; Ziffer 9 bis Ende Ziffer 146; Ziffer 9a bis Ende Ziffer 14a]

[II]

Andante Viertel = 84 (Ziffer 31 bis Ende Ziffer 3a4)

[Ziffer 3-11; Wiederholungsteil Ziffer 1 bis Ende Ziffer 45 mit Schlussklausel Ziffer 3a1-4 für Ziffer 3 und 4]

[III]

Moderato Halbe = 84 (Ziffer 41 bis Ende Ziffer 23)

Con moto Halbe = 132 (Ziffer 3 bis Ende Ziffer 204)

Moderato Halbe = 84 (Ziffer 21 bis Ende Ziffer 233)

Vivo Viertel = 132 (Ziffer 24 bis Ende Ziffer 324)

Same Tempo Halbe = 64, Viertel = 132 (Ziffer 33 bis Ende Ziffer 373)

Korrekturen / Errata

74-2

1. Satz

1.) Orchesterlegende: Mehrzahl French Horns ist in Einzahl French Horn umzuschreiben.

2.) Orchesterlegende: Im Schlagzeugbereich ist Cymbals oberhalb Drums durchzustreichen.

3.) Ziffer 14a3-4 (S. 15) 1.-5. Trompeten: die Spielanweisung >pluncers< ist einzufügen, und statt aufführungspraktisch falsch ° + ° + / Pause ° + ist richtig + ° + ° / Pause + ° zu lesen.

2. Satz

4.) p. 19, figure 35, Harp bass: Die Bassnoten A-c sind aus dem Viertonakkord zu streichen und nur die Noten d-f# (Flageolett) zu spielen.

5.) p. 20, figure 3a1-2, die 7 Sechzehntelligaturen sind statt vom Bariton-Saxophon von der Bassklarinette zu spielen. +++

3. Satz

6.) S. 21, Ziffer41, Orchesterlegende: >Sn. dr.< anstatt Cymbals.

7.) S. 21, Ziffer 41, Orchesterlegende: >Bass Drums< anstatt >Drums<.

8.) S. 40, Ziffer 363: zwischen den beiden Halbenoten ist ein Atemzeichen anzubringen.

9.) S. 40, Ziffer 361, 362 and 371 Solo-Klarinette: Ziffer 361 Halbe e3, Ziffer 362 2. Halbe e3, Ziffer 371 Ganznote e3 sind jeweils mit einem Akzent (>) zu versehen.

10.) S. 40, Ziffer 373, Klarinette: staccato-Punkt + >off<.

Stil: Im Ebony Concerto mischen sich klassische Konzertteile und Jazz-Elemente nicht als Einheit, sondern als Abfolge, wobei das Jazzelement des Blues nur im zweiten Satz rein hervortritt. Die Komposition gilt als jazzuntypisch.

Widmung: > Dedicated to Woody Herman> [Gewidmet Woody Herman].

Dauer: etwa 3' 01" + 2' 34" + 3' 41".

Entstehungszeit: im Jahre 1945, abgeschlossen am 1. Dezember in Hollywood .

Uraufführung: 21. März 1946 in der New Yorker Carnegie Hall mit dem Klarinettisten Woody Herman und der Woody Herman's Band unter der Leitung von Walter Hendl.

Bemerkungen: Die Komposition des Ebony Concerto für den von Strawinsky offensichtlich bewunderten Klarinettisten und Bandleader Woody Herman erfolgte in einem besonders engen instrumentalen und zeitlichen, aber auch kompositorischen Rahmen. Der Vertrag wurde am 17. Oktober 1945 geschlossen und brachte Strawinsky ein festes Honorar von tausend Dollar. Das vorgegebene Orchester war die Band The First Herd von Woody Herman, die aus der von ihm selbst gespielten Soloklarinette, aus Saxophonen, Trompeten, Posaunen mit Klavier, Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug bestand und der Strawinsky nicht nur ein Waldhorn einfügte, wie er sagte, sondern möglicherweise auch die Klarinetten und die Harfe. Weil bei der Auftragserteilung durch Aaron Goldmark von Leeds Music Corporationmit Bindung an Woody Herman und dessen Band der Aufführungstermin 21. März 1946 schon feststand, blieb Strawinsky für seine Arbeit wenig Zeit. Er studierte Herman-Aufnahmen, um die Spielweise des Bandleaders kennen zu lernen. Vermutlich dürfte es sich dabei um Platten gehandelt haben, die 1945 erschienen, wie Laura oder I Wonder oder Apple Honey oder Caldonia. Die Zusammenhänge sind 1972 von Jürgen Hunkemöller untersucht worden, der seine Details dem Vorwort der zweiten amerikanischen Auflage des Ebony- Concertos von 1946 entnahm (>Igor Strawinskys Jazz-Porträt<, Archiv für Musikwissenschaft 1972, XXIX/1, S. 45-63, Franz Steiner Verlag Wiesbaden). Dann setzte er sich nach seiner bekannten Art mit einem Instrumentalisten zusammen, der ihn mit der Spielweise der für Herman wichtigen, weil die Streicherfamilie ersetzenden Saxophone vertraut machte. Für die chorische Behandlung von Blechblasinstrumenten bedurfte er einer solchen Unterrichtung nicht. Seine Formvorstellung richtete sich auf ein jazzorientiertes Concerto grosso mit einem Blues als langsamen Mittelsatz, da der Blues für ihn der Inbegriff der afrikanisch-amerikanischen Musik-Szene bildete. Die Komposition bereitete ihm wegen des ungewohnten Ensembles Mühe. Sein Brief an Boulanger über die Schwierigkeiten, die er damit hatte, spricht für sich. Da er zudem das Ebony Concerto zeitgleich mit der Symphonie in drei Sätzen schrieb, bewegte er sich damals zwangsläufig auf zwei unterschiedlichen stilistischen Ebenen.

Bedeutung: Das Ebony Concerto zählt trotz seiner häufigen Zitierung anders als die Piano-Rag-Music und der Tangonicht zu den bedeutenderen Stücken Strawinskys auf der Grenze zwischen klassischer und wie immer gearteter Alltags-Gebrauchsmusik. Jedoch geht eine populäre Strawinsky- und Jazz-Literatur immer wieder gerne auf dieses Stück zu.

Situationsgeschichte: Mit der kriegsbedingten Übersiedlung in die Vereinigten Staaten von Nordamerika geriet Strawinsky neuerlich in Finanznot. So nahm er eine Reihe von Aufträgen an, die eigentlich nicht zu ihm passten und die er selbst später abfällig pauschal als Jazz Commercials (Jazz-Geschäfte) überschrieb und bei denen ihn keine anderen als finanzielle Interessen leiteten. Dementsprechend sind, den frühen Rag-Time ausgenommen, der wie die Piano-Rag-Music nicht dazugehört, alle diese Stücke der ersten amerikanischen Jahre, vor allem Scherzo à la Russe und Ebony-Concerto Ergebnisse eines von der finanziellen Bedrängnis des Emigranten bestimmten Erwerbssinnes und folglich mehr oder weniger schnell und gegebenenfalls sogar nebensächlich gearbeitet.

Jazz-Verständnis: Da sich Strawinsky als einziger der großen seriösen Komponisten des 20. Jahrhunderts, sieht man von Ernst Krenek einmal ab, mehrfach offen zum und über den Jazz geäußert und mehrere Stücke und Stückteile unter Jazztitel gesetzt hat, wurde er schon seit den frühen zwanziger Jahren als Beweis für einen erheblichen Einfluss des Jazz auf die Neue Musik in Anspruch genommen. Diese pauschalierende Zuordnung normalisierte Strawinsky selbst auf die Fakten hin, die sich an Biographie und Werk überprüfen lassen. Danach bekam Strawinsky zum ersten Mal von der amerikanischen Musikrichtung Kenntnis, als ihm Ernest Ansermet von seiner Amerika-Reise des Jahres 1918 Noten und Partituren mit Ragtime-Musik mitbrachte, in die sich Strawinsky sofort vertiefte und die ihn veranlassten, den Ragtime als Tanzform mit in die Geschichte vom Soldaten aufzunehmen. In der Folgezeit ist es nicht eigentlich der Jazz als musikalische Gattung gewesen, auf den Strawinsky abhob, sondern der Ragtime als besonderes und dabei kulturstilistisch abgelöstes rhythmisches Phänomen. In diesem Sinne sind denn nicht die wenigen, im Titel ausdrücklich auf Jazz hin bezogenen Kompositionen Strawinskys Ausdruck seiner Neigung gewesen, sondern der vom Ragtime ausgehende rhythmische Impuls, der sich stark auch in Werke hinein fortsetzte, die objektiv mit Jazz und Jazzstil nichts zu tun hatten und in denen man zunächst solche Elemente nicht suchen und erwarten würde. Es stimmt nicht, dass Strawinsky den Jazz als Ganzes uneingeschränkt bewundert hat. Es gilt auch hier, geschäftsbedingt publikumswirksame Äußerungen vom Gemeinten zu trennen. Strawinsky hat sich möglicherweise auch nicht mit den Schallplatten Hermans beschäftigt, weil er den Klarinettisten und Bandleader Herman so schätzte, sondern weil er einen dotierten Auftrag erhalten hatte und ihn sachgerecht ausführen wollte, wozu nun einmal die Beschäftigung mit dem konservierten Spielstil der Ausführenden gehörte, für die er gedacht war. Seine reale Kenntnis von Jazzmusik beschränkte sich bis dahin, wieder vom in Noten studierten Ragtime abgesehen, auf Hörerlebnisse von Negerbands in Harlem, Chicago und New Orleans, so dass für ihn bis zuletzt Jazz-Musik immer Schwarzen-Musik war. Er schätzte Tatum, Charlie Parker und den Gitarristen Charles Christian. Aber gegen die wesentlichen, strukturtypischen Merkmale des Jazz hat sich Strawinsky vehement gewehrt. Für ihn galt nicht die Gleichung Ragtime gleich Jazz, sondern Blues gleich Jazz, und der Blues ist nur im Ebony Concerto zu finden. Der Blues wiederum war für ihn, daran hat er keinen Zweifel gelassen, mit dem Afrikanischen als Ausdruck der afroamerikanischen Kultur identisch, identisch aber auch mit dem gängigen Begriff der Unterhaltungsmusik, mit der er eigentlich nie etwas zu tun haben wollte, auch wenn er sich mitunter in Broadway-Revuen vergnügte. Ganz und gar nicht konnte sich Strawinsky mit dem Improvisationselement des Jazzstils abfinden. Strawinsky erklärte später, Jazz habe nichts mit „komponierter Musik“ zu tun und man könne Jazz und komponierte Musik auch nicht miteinander verbinden. Wer es versuche, erzeuge in beiden Bereichen schlechte Musik. Es müssen aus diesem Grund wohl auch Differenzen zwischen ihm und den Auftraggebern entstanden sein, weil Strawinsky so strikt das Begehren nach Improvisationsstellen im Ebony Concerto vor allem für den Solo-Klarinettisten Herman, aber auch für die Bandmitglieder ablehnte, die offensichtlich ungebildete Improvisationsmusiker waren. Jedenfalls berichtet Strawinsky, er habe den ersten Satz seines Konzertes in Achtelnoten umschreiben müssen, weil die Bandmitglieder keine Sechzehntelnoten hätten lesen können. Goldmarks beleidigt klingender Brief von Anfang 1946 in ganz anderer Sache und Strawinskys höhnische Namensveralberung vom „Mister Goldfarb" und seine handschriftliche Marginalie cheek (Unverschämtheit) am Rande zeigen zur Genüge, dass trotz des wohlwollenden Publikumsechos bei der Uraufführung des Ebony Concerto in einer mit Lichteffekten erfüllten Carnegie Hall tief greifende Verstimmungen entstanden waren, die einen freundlicheren Umgang ausschlossen. In der Tat gibt es für eine so durchkonstruierte Ordnungs-Musik wie derjenigen Strawinskys keine größere Gefahr als die Einbringung von stimmungsabhängigen Improvisationen, mit denen zwangsläufig sorgsam überlegte Montagepläne zunichte gemacht werden. Mit dem Ebony Concerto enden Strawinskys überwiegend zeit- und geldbedingte Ausflüge in die Geschäftswelt einer für ihn nicht mehr sinngebenden Musikszene. Dabei hatte Strawinsky durchaus ein Ohr für improvisatorische Einschübe, aber nur dann, wenn die Improvisationen vorab gestaltet und damit im eigentlichen Sinne keine Improvisationen mehr waren, sondern nur noch wie solche klangen, wie er es seinerzeit in der Geschichte vom Soldaten so gewichtig vorgeführt hatte, dass seine dortigen Violinkadenzen noch für die musikwissenschaftliche Improvisationsgeschichte eines Ernst Ferand von Bedeutung wurden. Strawinsky unterschied deshalb pointiert zwischen Jazzkompositionen, für die er nichts übrig hatte, und Jazzdarbietungen, die ihn faszinierten, weil sie eine klingende Saite trafen, die er längst in seinen wechselnden Metren und kadenzierenden Soli kultivierte. Aber 1919 wurde ihm das Verfahren dank gehörter Jazzmusik bewusst und bildete den Grund für die nichtmetrischen Teile in der Piano-Rag-Music von 1919 oder den Trois Pièces pour Clarinette seule ebenfalls von 1919.

Fassungen: Die einzige datierbare gedruckte amerikanische Ausgabe des Ebony Concerto erschien 1946 zum Preis von anderthalb Dollar als Taschenpartiturausgabe im Oktavformat und (nach amerikanischer Datierung vermutlich) noch im selben Jahr zum Preis von 4 Dollar mit anderer Aufmachung im Quartformat, original ebenfalls als Taschenpartitur (Miniature Score) bezeichnet, beidemale ohne Platten-Nummer im Verlag der New Yorker Charling Music Corporation, wobei für die Dirigierpartitur schon Morris mitzeichnete. Strawinsky erhielt das Belegexemplar der Quartformatausgabe im Januar 1947. Eine Neuauflage kam 1954 bei Edwin H. Morris & Co. in London unter Nennung von Charling Music Corporation heraus. Der Verkauf war zu keiner Zeit außer im ersten halben Jahr nach Erscheinen bis 30. Juni 1947 nennenswert. Damals wurden 212 Exemplare verkauft, das größte Kontingent in einem halbjährigen Abrechnungszeitraum überhaupt. Zwischen dem 1. Juli 1947 und dem 30. September 1966 setzte der Verlag weitere etwa 900 Exemplare ab. In manchen Halbjahresphasen wurden weltweit nicht einmal zehn Partituren verkauft. Aus einem Brief vom 1. Juni 1967, den Sol Reiner sehr erfreut an Strawinsky richtete, geht hervor, dass der zweite Satz des Konzertes von Mischa Portnoff für Klavier-Solo bearbeitet und vermutlich auch herausgegeben worden ist. In europäischen Bibliotheken scheint bislang kein Exemplar dieser Ausgabe aufgetaucht zu sein. Strawinsky ärgerte sich und schrieb bissig an den Rand: „ Warum nicht Sascha Bolwanoff oder Moishe Schneiderson? “ ( 'Why not Sasha Bolwanov or Moishe Schneiderson?'),

Produktion: Im Jahre 1957 stellte Alan Carter Ebony Concerto, Feuerwerk, Circus-Polka und Ode für eine an der Münchner Staatsoper choreographierte Ballettproduktion ‚Feuilleton’ zusammen. – Im Jahre 1960 wurde das Ebony Concerto von John Taras für das New York City Ballet choreographiert und mit Ausstattung und Kostümen von David Hays in einen Tanzabend eingestellt, den man unter dem Obertitel ‚Jazz Concert’ veranstaltete. Im ersten Satz erschienen die Tänzer nur als Schattenrisse, der zweite Satz war als Pas de deux angelegt, der dritte als aufgeregter Staccato-Tanz.

Historische Aufnahmen: Hollywood 19. August 1946 mit dem Klarinettisten Woody Herman und dem Orchester Woody Herman unter der Leitung von Igor Strawinsky; Hollywood 27. April 1965 mit dem Klarinettisten Benny Goodman und dem Columbia Jazz Ensemble unter der Leitung von Igor Strawinsky.

CD-Edition: VII-1/12-14 (Aufnahme 27. April 1965).

Autograph: Library of Congress, Washington.

Copyright: 1946 durch Charling Music Corporation in New York.

Ausgaben

a) Übersicht

74-1 1946 Tp; Charling Music Corporation New York; 40 S.; – .

    74-1Straw ibd. [datiert; ohne Eintragungen].

74-2 (1946) Dp; Charling Music Corporation / Morris & Company New York; 40 S.; – .

    74-2Straw ibd. [mit Eintragungen].

74-3 1954 Tp; Morris & Company London / Charling Music Corporation; 40 S.; 2514 E.M.

b) Identifikationsmerkmale

74-1 Dedicated to Woody Herman / EBONY CONCERTO / Miniature Score / by* / Igor Stravinsky* / Recorded by / The Woody Herman Orchestra / Conducted by IGOR STRAVINSKY / On Columbia Record No. 7479M / Price / $1.50 / in U. S. A. / [**] / CHARLING MUSIC CORP ./ Sole Selling Agents/ MYFAIR MUSIC CORP. / 1619 Broadway, New York 19, N. Y. // Dedicated to Woody Herman/ EBONY CONCERTO / Miniature Score / by** / Igor Stravinsky* / Recorded by / The Woody Herman Orchestra / Conducted by IGOR STRAVINSKY / On Columbia Record No. 7479 M / Price / $1.50 / in U. S. A. / CHARLING MUSIC CORP. / Sole Selling Agents/ MYFAIR MUSIC CORP. // (Taschenpartitur klammergeheftet 15,1 x 23,1 (8° [gr. 8°]); 40 [40] Seiten + 4 Seiten Umschlag braunrot auf dunkelbeige [aufgemachte Außentitelei mit schräg gestelltem Komponistennamen in Schreibschrift, ausgedehntes ergographisches Vorwort >FOREWORD< englisch, 2 Leerseiten] ohne Vor- und ohne Nachspann; Kopftitel >EBONY CONCERTO<; Autorenangabe 1. Notentextseite unpaginiert [S. 2] unterhalb Kopftitel rechtsbündig kursiv >By Igor Stravinsky<; Rechtsschutzvorbehalt in Verbindung mit Herstellungshinweis 1. Notentextseite unterhalb Notenspiegel mittig zentriert >Copyright 1946 by CHARLING MUSIC CORP. / Sole Selling Agent, MAYFAIR MUSIC CORP., 1619 Broadway. New York, N. Y. / International Copyright Secured< [#] Made in U.S.A.< [#] >All Rights Reserved<; ohne Platten-Nummer; ohne Endevermerk) // (1946)

* Schräg hochlaufend in Schreibschrift.

* Im Londoner Geschenkexemplar vom 31. Januar 1947 >c.133.f.1.< befindet sich an dieser Stelle [nur der Außentitelei] rechts parallel zur dreizeiligen Preisangabe ein Stempelvermerk >CHAPPELL & CO. LT / 50. NEW BOND STREET. LONDON / NEW YORK & SYDNEY.<.

74-1Straw

Strawinskys Nachlassexemplar ist auf dem Außentitel zwischen >EBONY CONCERTO< und >Miniature Score< mit >IStr Jan 47< gezeichnet und datiert.

74-2 EBONY CONCERTO / Miniature Score / by* / Igor Stravinsky* / Price / $4.00 / in U. S. A. / CHARLING MUSIC CORP / SOLE DISTRIBUTOR: / EDWIN. H. MORRIS & COMPANY, INC. / 31 WEST 54th STREET • NEW YORK 19, N. Y. // Dedicated to Woody Herman/ EBONY CONCERTO / Miniature Score / by / Igor Stravinsky* / Recorded by / The Woody HermanOrchestra / Conducted by IGOR STRAVINSKY / On Columbia Record No. 7479M / Price / $4.00 / in U. S. A. / CHARLING MUSIC CORP.° / 31 WEST 54th STREET NEW YORK 19, N. Y. // (Dirigierpartitur klammergeheftet 21,7 x 28 (4° [Lex. 8°]); 40 [39] Seiten + 4 Seiten Umschlag dunkelblau auf hellgrau gemasert [aufgemachte Außentitelei mit schräg gestelltem Komponistennamen in Schreibschrift, Seite mit Biographie >STRAVINSKY< halbseitig-linksbündig, Fortsetzungsseite halbseitig-rechtsbündig mit Verfassernachweis >THE PUBLISHER.<, Leerseite mit Impressum > a publication of/ EDWIN H. MORRIS & COMPANY, INC. / # 07-00543-1364<** unter 2 Zierbalken 0,4 x 10,8 im Abstand 1,5] + 1 Seite Vorspann [Innentitelei mit identischer Aufmachung ohne Farbe] ohne Nachspann; Kopftitel >EBONY CONCERTO<; Autorenangabe 1. Notentextseite unpaginiert [S. 2] unterhalb [in Verbindung mit] Kopftitel rechtsbündig kursiv > By Igor Stravinsky<; Rechtsschutzvorbehalt in Verbindung mit Herstellungshinweis 1. Notentextseite unterhalb Notenspiegel mittig zentriert >Copyright 1946 by CHARLING MUSIC CORP° / 31 WEST 54th STREET • NEW YORK 19, N. Y. / International Copyright Secured< [#] >Made in U.S.A.< [#] >All Rights Reserved<; ohne Platten-Nummer; ohne Endevermerk) // (1946)

° Unterschiedliche Schreibweise (Punkt) original).

* schräg hochlaufend in Schreibschrift.

** #-Zeichen original.

74-2Straw

Strawinskys Exemplar ist auf dem Außentitel oberhalb, neben und unterhalb >Miniature Score< mit >IStr / April 27/°65< [° Schrägstrich original] mit Blaustift signiert und datiert. Das Nachlassexemplar ist mit aufführungspraktischen Hinweisen durchsetzt und enthält Korrekturen (rot).

74-3 Dedicated to Woody Herman/ EBONY CONCERTO / Miniature Score / by* / Igor Stravinsky* / Recorded by / The Woody HermanOrchestra / Conducted by IGOR STRAVINSKY / EDWIN. H. MORRIS & CO. LTD. / 52 Maddox Street, London, W. 1 / CHARLING MUSIC CORP. / Sole Selling Agents:MYFAIR MUSIC CORP. / 1619 Broadway, New York 19, N. Y. / [gekastet:] 4245 [#] This edition is authorised for sale in British Empire (except Canada) and continent of Europe [#] Made in England.// Dedicated to Woody Herman/ EBONY CONCERTO / Miniature Score / by* / Igor Stravinsky* / Recorded by / The Woody HermanOrchestra / Conducted by IGOR STRAVINSKY / Price / 5/- / net / EDWIN. H. MORRIS & CO. LTD. / 52 Maddox Street, London, W. 1 / CHARLING MUSIC CORP. / Sole Selling Agents:MYFAIR MUSIC CORP. / 1619 Broadway, New York 19, N. Y. / This edition is authorised for sale in British Empire (except Canada) and Continent of Europe // (Taschenpartitur [nachgebunden] 13,8 x 21,6 (8° [8°]); 40 [39] Seiten + 4 Seiten Umschlag braunrot auf dunkelbeige [aufgemachte Außentitelei mit schräg gestelltem Komponistennamen in Schreibschrift, Seite mit >FOREWORD<, [fehlt] , [fehlt] ] + 1 Seite Vorspann [aufgemachte Innentitelei] ohne Nachspann; Kopftitel >EBONY CONCERTO<; Autorenangabe 1. Notentextseite unpaginiert [S. 2] unterhalb Kopftitel rechtsbündig kursiv > By Igor Stravinsky<; Rechtsschutzvorbehalt 1. Notentextseite unterhalb Notenspiegel linksbündig >Copyright 1946 by Charling Music Corp. / Sole Selling Agent, Mayfair Music Corp., 1619 Broadway New York, N. Y. / Edwin H. Morris & Co. Ltd., 52 Maddox Street, London, W. 1< [#] rechtsbündig teilkursiv > International Copyright Secured< [#] rechtsbündig >All rights reserved<; Platten-Nummer [unpaginiert S. 2:] >2514< [paginiert S. 3-40 in Verbindung mit Verlagsinitialen:] >2514 [#] E.M.<; Herstellungshinweise 1. Notentextseite unterhalb Notenspiegel rechtsbündig >PRINTED IN ENGLAND< S. 40 mittig zwischen Plattennummer und Verlagsinitialen >Lowe and Brydone (Printers) Limited, London<) // (1954)

* schräg hochlaufend in Schreibschrift.


K Cat­a­log: Anno­tated Cat­a­log of Works and Work Edi­tions of Igor Straw­in­sky till 1971, revised version 2014 and ongoing, by Hel­mut Kirch­meyer.
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